Diesen beliebten Schreib-„Trick“ sollte man als Autor vermeiden

Diesen beliebten Schreib-„Trick“ sollte man als Autor vermeiden

Man kennt es: Man ist beim Schreiben mitten in einer spannenden Szene, zum Beispiel einer Verfolgungsjagd oder einem Kampf, und will die Geschichte vorantreiben – doch die Szene zieht und zieht sich. Ein Ortswechsel wäre angesagt, nur: Wie beendet man die aktuelle Szene, während man gedanklich schon einen oder fünf Schritte weiter ist? Wäre es nicht praktisch, wenn der Protagonist einfach in Ohnmacht fiele? Dann könnte man direkt zur nächsten Szene wechseln und spart sich langwierige Erklärungen. Doch das ist ein allzu beliebter Fehler, der oft aus mangelnder Schreibübung resultiert und Lesern unangenehm auffällt.

Wie kann man das besser machen? Sollte man einfach alle Ohnmachten aus dem Manuskript streichen? Das wäre ja zu einfach gedacht. Denn man kann es auch richtig machen, das zeigt zum Glück schon J. R. R. Tolkien in seinem Herrn der Ringe! Wie genau er dabei vorgeht, liefert euch hoffentlich eine Hilfestellung (und einige Spoiler aus Die Gefährten):

Diese vier Punkte sollte ein Autor beachten, wenn er von der Ohnmacht einer Figur schreibt:

1. Sie sollte nicht auf dem Höhepunkt der Spannung passieren

In Die Gefährten wird Frodo ohnmächtig, nachdem er von den Schwarzen Reitern über die Furt gejagt wurde, und gerade noch sieht, wie sie in letzter Minute von den Fluten erfasst werden. Die Verfolgungsjagd ist also gerade vorüber, das heißt, die Spannung wird durch Frodos Bewusstlosigkeit nicht plötzlich auf dem Höhepunkt abgebrochen.

Doch die Spannungskurve ist noch nicht zu sehr abgeflacht, denn Frodos Ohnmacht wirft offene Fragen auf: Woher kam die Flut, die die Reiter aufhielt? Was ist mit seinen Gefährten geschehen, und vor allem: Was geschieht nun weiter mit Frodo, denn er ist schwer verwundet.

2. Sie sollte nicht zur Überbrückung von Passagen dienen

Macht euch darauf gefasst, dass ihr sowieso erklären müsst, was in der Zeit passiert ist, während euer Protagonist ohnmächtig war. Also lohnt es sich gar nicht, Handlungsteile zu überspringen. Wird euer Held spektakulär von einem Deus ex Machina gerettet, nachdem er das Bewusstsein verlor? Das lässt an Glaubwürdigkeit leider etwas zu wünschen übrig.

Ein kleines Beispiel: Der Held flüchtet vor seinen Verfolgern, in den dunklen Gängen der Burg hat er keine Chance. Sie haben ihn schon beinahe gefasst, da stößt er sich den Kopf – vor seinen Augen wird es schwarz und in der nächsten Szene wacht er wieder auf – in Sicherheit. Wie es zu seiner unverhofften Rettung kam? Das wird in zwei Sätzen angedeutet, bevor die Geschichte auch schon weitergeht. (Und dieses Beispiel ist leider nicht erfunden, diese Szene stammt aus der Feder eines bekannten amerikanischen Autors, was zeigt, dass auch routinierte Autoren nicht vor „Schreibfaulheit“ gefeit sind.)

3. Eine Ohnmacht kommt selten aus heiterem Himmel

Frodo wird nicht einfach so ohnmächtig. Er wurde auf der Wetterspitze von den Ringgeistern verwundet, und obwohl Aragorn ihn notdürftig versorgte, bleibt er geschwächt. Seine Konstitution verschlechtert sich rapide. Die erneute Konfrontation mit den Schwarzen Reitern verlangt ihm daher die letzte Kraft ab – der Leser kann nachvollziehen, warum er das Bewusstsein verliert.

Die wenigsten Leute fallen einfach so in Ohnmacht, es sei denn, sie stecken in engen Korsetts, die das Atmen erschweren. Macht euch Gedanken, was eine Ohnmacht auslösen könnte, und vermittelt es dem Leser glaubhaft. (Ein Kampf? Pure Erschöpfung? Eine Erkrankung?) Dazu kann weiterführende Recherche gehören, oder ihr greift auf eigene Erfahrungen zurück. Das kann auch bei dieser wichtigen Frage helfen:

4. Was löst eine Ohnmacht in einer Figur aus?

Der Begriff beschreibt es bereits: Sie hinterlässt beim Betroffenen ein Gefühl der Verwirrung, der Machtlosigkeit. Es gibt – gerade bei längerer Bewusstlosigkeit – einen Bruch in der Erinnerung. Das sollte man nicht übergehen, denn Verletzlichkeit macht Figuren menschlich. Wie gehen sie damit um und wie gewinnen sie nach der Bewusstlosigkeit wieder an (Tat-)Kraft?

Frodo wacht wohlbehalten in Bruchtal, im Hause Elronds, wieder auf. Er erinnert sich sowohl an die Reiter als auch an sein knappes Entkommen, aber er und der Leser wissen nicht, was mit seinen Gefährten geschehen ist. Gandalf besteht darauf, dass Frodo Ruhe braucht, doch Frodo will Antworten. Als er erfährt, dass er mehrere Tage lang bewusstlos war, ist er schockiert! Gandalf berichtet ihm ausführlich, was in der Zwischenzeit geschehen ist und beruhigt ihn, seine Gefährten sind alle wohlauf. So bleiben auch beim Leser keine Fragen offen und Frodo kann das folgende Festmahl genießen.

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